Warum Altbauwohnungen bei Luftfeuchte so sensibel sind
Altbauten reagieren oft stärker auf Feuchte als Neubauten: Außenwände sind kälter, Wärmebrücken sind häufiger, und nach Sanierungen (neue Fenster, dichtere Türen) fehlt manchmal der „unbeabsichtigte“ Luftaustausch. Ergebnis: Feuchte bleibt länger in der Wohnung, kondensiert an kalten Stellen und schafft ideale Bedingungen für Schimmel.
Typische Situationen aus deutschen Altbau-Grundrissen: Schlafzimmer an der Nordseite, große Außenwandflächen, schlecht beheizter Flur, Duschbad ohne Fenster oder eine Küche, die zur Wohnung offen ist. Dazu kommt Alltag: Wäsche trocknen im Wohnzimmer, viel Kochen, mehrere Personen im Haushalt.
Das Ziel ist nicht „so trocken wie möglich“, sondern stabil: 40 bis 60% relative Luftfeuchte bei 19 bis 22 °C. Unter 35% wird es oft unangenehm (trockene Schleimhäute), über 60% steigt das Schimmelrisiko stark, vor allem an Außenwänden und in Ecken.
| Maßnahme | Wirkung | Typischer Aufwand |
| Hygrometer + klare Lüftungsroutine | Sofort weniger Kondensat, bessere Kontrolle | 10 bis 40 EUR, 30 Minuten Setup |
| Lehmfarbe/Lehmputz (innen) | Puffert Feuchtespitzen, angenehmeres Raumklima | DIY mittel, Material 2 bis 8 EUR/m² |
| Kalkputz/Kalkfarbe (innen) | Höherer pH-Wert, weniger Nährboden für Schimmel | DIY mittel, Material 1 bis 5 EUR/m² |

Die Basis: richtig messen statt raten
Ohne Messung optimierst du ins Blaue. Ein einziges Hygrometer im Wohnzimmer reicht nicht, weil Feuchte sich je nach Raum und Nutzung stark unterscheidet.
Wo Hygrometer wirklich Sinn machen
- Schlafzimmer: wegen Atemluft über Nacht und oft kühler Außenwände.
- Bad: für Duschspitzen und Trocknung nach dem Duschen.
- Wohnzimmer: Referenzraum, oft mit Pflanzen, Wäschetrocknung oder offener Küche.
Praxis-Tipp: Stell das Gerät nicht direkt ans Fenster oder neben den Heizkörper. Ideal ist 1,2 bis 1,5 m Höhe, an einer Innenwand oder auf einem Regal mit Luftzirkulation.
Welche Werte sind Warnsignale?
- Über 60% über mehrere Stunden täglich: Risiko steigt, besonders bei kalten Außenwänden.
- 70% und mehr nach dem Duschen oder Kochen ist normal, aber sollte innerhalb von 30 bis 60 Minuten wieder runtergehen.
- Unter 35% dauerhaft: oft zu viel Heizen bei zu wenig Feuchte oder sehr trockene Außenluft im Winter, Komfort leidet.
Wenn du es genauer willst: Einfache Geräte zeigen oft nur grob. Für Altbau-Feuchte-Management lohnt ein Hygrometer mit Min/Max-Speicher oder Logging, um Muster zu erkennen (morgens, nach dem Kochen, nach dem Schlafen).
Lüften im Altbau: feste Abläufe statt „Fenster auf, wenn man dran denkt“
Der größte Hebel ist eine Routine, die zu deinem Tagesablauf passt. Altbau heißt nicht automatisch „immer querlüften“. Wichtig ist: Feuchte raus, ohne die Wohnung auszukühlen.
Stoßlüften: die zuverlässige Standardlösung
- Morgens: 5 bis 10 Minuten alle bewohnten Räume, besonders Schlafzimmer.
- Nach dem Duschen: sofort 10 Minuten (bei fensterlosem Bad: Tür zu, Lüfter laufen lassen, dann Wohnung stoßlüften).
- Nach dem Kochen: 5 bis 10 Minuten, Dunstabzug immer nutzen.
- Abends: 5 Minuten, wenn mehrere Personen zu Hause waren.
Im Winter sind 3 bis 6 Minuten oft genug, weil kalte Außenluft wenig absolute Feuchte trägt. Im Sommer kann langes Lüften mehr Feuchte reinbringen. Dann gilt: früh morgens und spät abends lüften, tagsüber eher kurz.
Querlüften: wann es sich lohnt
Querlüften bringt schnell Luftwechsel, kann aber Zugluft und Auskühlung verursachen. Nutze es gezielt:
- nach dem Wischen oder wenn du Wäsche in der Wohnung getrocknet hast
- bei deutlichem Muffgeruch im Flur oder in Innenräumen
- wenn das Bad ohne Fenster stark „dampft“
Der häufigste Fehler: Kipplüftung
Dauerhaft gekippte Fenster kühlen die Laibung aus. Genau dort bildet sich dann Kondensat und Schimmel in der Fensterlaibung oder hinter dem Vorhang. Kipplüftung nur kurz (z.B. 10 Minuten), besser: stoßlüften.
Materialien, die Feuchtespitzen puffern: Lehm vs. Kalk
Wenn du im Altbau Feuchte stabilisieren willst, helfen hygroskopische Oberflächen. Sie nehmen Feuchte kurzfristig auf und geben sie später wieder ab, ohne dass Wasser als Film kondensiert. Das ersetzt keine Lüftung, macht sie aber deutlich weniger kritisch.
Lehm: stark im Puffern, spürbar im Komfort
Lehmfarbe und Lehmputz sind echte Feuchte-Puffer. Gerade in Schlafzimmern oder Wohnräumen mit viel Nutzung glättet Lehm die Peaks (z.B. nachts).
- Wo sinnvoll: Schlafzimmer, Wohnzimmer, Home Office, Kinderzimmer. Auch in Fluren, wenn dort kalte Außenwände sind.
- Wo kritisch: Spritzwasserzonen im Bad (direkt in der Dusche, hinter dem Waschbecken ohne Spritzschutz).
- Oberfläche: nicht mit dichten Dispersionsfarben „versiegeln“. Sonst ist der Effekt weg.
Praxis: Wenn du nur wenig Budget hast, starte mit einer Außenwand im Schlafzimmer (Bettwand oder gegenüber). Das ist oft die „Schimmelwand“. Lehm wirkt am besten, wenn er Fläche hat.
Kalk: schimmelunfreundlich und robust
Kalkputz und Kalkfarbe punkten durch ihren hohen pH-Wert. Das ist kein Wundermittel, aber es erschwert Schimmelwachstum auf der Oberfläche, wenn Feuchte mal zu hoch war.
- Wo sinnvoll: Bad (außer direkte Nasszone), Küche, Flur, alle Außenwände mit Risiko.
- Vorteil: gut bei Renovierung, wenn du nach Schimmel sanieren willst (nach fachgerechter Ursachebehebung).
- Achtung: Untergrund muss passen (tragfähig, sauber). Auf glatten Dispersionsschichten hält Kalk oft schlecht ohne Vorarbeit.
Wenn du zwischen Lehm und Kalk wählen musst: Lehm für Komfort und Feuchte-Puffer im Wohnen und Schlafen, Kalk für Robustheit und schimmelunfreundliche Oberflächen in Bad, Küche, Flur.
Schimmelprävention an den typischen Altbau-Schwachstellen
Schimmel entsteht selten „mitten auf der Wand“. Er startet dort, wo Oberflächen kalt sind und Luft schlecht zirkuliert. Im Altbau sind das fast immer die gleichen Stellen.
1) Außenwand hinter Möbeln
- Abstand: 5 bis 10 cm Luft hinter Schrank, Kommode, Bettkopfteil.
- Keine Vollflächen: Wenn möglich, Möbel mit Füßen statt bodenbündig.
- Keine dichten Rückwände direkt an die Außenwand pressen. Bei kritischen Ecken: Rückwand partiell öffnen (z.B. große Öffnungen) oder Abstand vergrößern.
Realitätscheck: In 60 m² Altbau mit wenig Stauraum stehen Möbel oft zwangsläufig an Außenwänden. Dann ist Abstand plus konsequentes Heizen im Raum wichtiger als „perfekte“ Einrichtung.
2) Fensterlaibungen und Vorhänge
- Vorhänge so aufhängen, dass sie nicht die Heizung abdecken und nicht dauerhaft vor dem Glas liegen.
- Bei Kondensat: morgens Glas trocken wischen und Lüften anpassen.
- Plissees: lieber oben und unten etwas Luft lassen als komplett dicht.
3) Innenecken und Deckenanschlüsse
Innenecken sind oft kälter, besonders an Außenwänden. Hier hilft keine „Anti-Schimmelfarbe“, wenn die Ecke ständig auskühlt.
- Heizkörper nicht zustellen, Luft muss zirkulieren.
- In kalten Räumen Temperatur nicht zu stark abfallen lassen (lieber konstant 18 bis 20 °C statt tags 22, nachts 15).
- Bei wiederkehrendem Problem: Wandoberfläche mit Kalk (oder Lehm) diffusionsoffen halten, keine dichten Tapeten.
Heizen als Feuchte-Werkzeug: Temperatur stabil halten
Viele unterschätzen: Schimmel ist oft kein „zu feuchtes“ Problem, sondern ein „zu kalt an der Oberfläche“ Problem. Warme Luft kann mehr Feuchte halten, und warme Wandoberflächen reduzieren Kondensat.
Konkrete Zielwerte für typische Räume
- Schlafzimmer: 18 bis 20 °C, aber nicht dauerhaft unter 17 °C, wenn Außenwände kritisch sind.
- Wohnzimmer: 20 bis 22 °C.
- Bad: 21 bis 23 °C während Nutzung, danach kurz lüften und wieder absenken.
Wenn du Heizkosten sparen willst, spare nicht über extreme Nachtabsenkung in Räumen mit Außenwänden. Besser: 1 bis 2 °C absenken statt 5 °C, dafür kürzer und effizienter lüften.
Wäsche trocknen, kochen, Pflanzen: Feuchtequellen realistisch managen
Altbau plus Alltag heißt: Es gibt Feuchtequellen, die du nicht „wegoptimieren“ kannst, aber du kannst sie planbar machen.
Wäsche in der Wohnung trocknen
- Wenn möglich: ein Raum dafür, Tür zu.
- Direkt beim Aufhängen: 5 Minuten stoßlüften.
- Nach 2 bis 3 Stunden: nochmal stoßlüften.
- Wäsche nicht direkt vor kalte Außenwände stellen.
Budget-Tipp: Ein einfacher elektrischer Luftentfeuchter (200 bis 350 EUR) lohnt sich vor allem, wenn du regelmäßig drinnen trocknest und keine gute Lüftungsmöglichkeit hast. Aber: Er ersetzt nicht die Ursachenarbeit bei kalten Wänden.
Kochen ohne Feuchtefalle
- Deckel auf Töpfe, Wasser kocht schneller und weniger Dampf.
- Dunstabzug konsequent nutzen, auch bei kurzem Kochen.
- Nach dem Kochen: 5 Minuten stoßlüften, besonders in offenen Wohnküchen.
Pflanzen sinnvoll platzieren
Pflanzen erhöhen die Luftfeuchte, aber meist moderat. Problematisch wird es, wenn du viele Pflanzen an kalten Fensterbänken hast und dort Kondensat entsteht.
- Untersetzer trocken halten, kein stehendes Wasser.
- Im Winter empfindliche Pflanzen nicht direkt an kaltes Glas drücken.
- Bei Schimmel an Erde: Gießmanagement und Substrat prüfen, nicht nur „mehr lüften“.
Wenn du bereits Schimmel hast: pragmatischer Ablauf (ohne Pfusch)
Schimmel wegwischen reicht selten. Erst Ursache klären, dann Oberfläche sanieren, sonst kommt es zurück.
Schritt-für-Schritt Vorgehen
- 1) Ausmaß prüfen: Flecken messen und dokumentieren (Foto, Datum, Raumklima-Werte).
- 2) Sofortmaßnahmen: Raum auf 19 bis 21 °C bringen, Lüftungsroutine starten, Möbel abrücken.
- 3) Lokale Reinigung: kleine Stellen (unter ca. 0,5 m²) mit geeignetem Mittel, Schutz beachten, nicht trocken abbürsten.
- 4) Ursache bewerten: Kondensat (kalte Wand) vs. Wasserschaden (Leck, aufsteigende Feuchte). Bei Verdacht auf Wasserschaden: Vermieter/Versicherung/Handwerker.
- 5) Oberfläche neu aufbauen: diffusionsoffen, z.B. Kalksystem oder Lehm, keine dichte Dispersionsfarbe über Problemstellen.
Wichtig in Mietwohnungen: Wenn Schimmel wiederkehrt oder großflächig ist, dokumentiere Werte und melde es schriftlich. Das schützt dich und beschleunigt Lösungen (z.B. Leckage, Wärmebrücke, Fensteranschluss).

Podsumowanie
- Miss Luftfeuchte pro Raum (Schlafzimmer, Bad, Wohnzimmer) und arbeite mit Min/Max-Werten.
- Ziel: 40 bis 60% rF bei 19 bis 22 °C, Feuchtespitzen müssen schnell wieder sinken.
- Stoßlüften nach festen Anlässen (morgens, nach Duschen, nach Kochen), Kipplüftung vermeiden.
- Außenwände freihalten: 5 bis 10 cm Abstand hinter Möbeln, keine zugestellten Heizkörper.
- Lehm puffert Feuchte im Wohn- und Schlafbereich, Kalk ist robust und schimmelunfreundlich in Bad, Küche, Flur.
- Bei Schimmel: Ursache klären, dann diffusionsoffen sanieren, nicht einfach überstreichen.
FAQ
Welche Luftfeuchte ist im Altbau ideal?
Praktisch bewährt sind 40 bis 60% relative Luftfeuchte. Entscheidend ist die Kombination mit ausreichender Temperatur und warmen Wandoberflächen.
Ist Lehmfarbe in einer Mietwohnung sinnvoll?
Ja, wenn der Vermieter zustimmt und der Untergrund passt. Lehmfarbe ist diffusionsoffen und kann Feuchtespitzen puffern. Nicht in Spritzwasserzonen einsetzen.
Hilft ein Luftentfeuchter gegen Schimmel?
Er kann Feuchte senken, besonders beim Wäschetrocknen oder in fensterlosen Bädern. Gegen kalte Oberflächen, Wärmebrücken oder Wasserschäden hilft er nur begrenzt.
Warum ist Kipplüften im Winter problematisch?
Es kühlt Fensterlaibungen und angrenzende Wandflächen aus. Dort kondensiert Feuchte leichter, was Schimmel in Laibung, Ecken oder hinter Vorhängen begünstigt.

